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Donnerstag, 5. Februar 2009

Theiresias und Krokowski auf Reisen: Heute: Niagara Falls, Kanada oder: Die vierte Dimension

Nachdem Theiresias und Krokowski vor längerer Zeit bereits die Vereinigten Staaten besichtigt hatten, beschlossen sie, auch mal Kanada einen Besuch abzustatten. Kanada stellten sich Theiresias und Krokowksi nach dem Besuch etlicher Michael Moore-Filme ungefähr so wie die Vereinigten Staaten vor, nur in cool und gut, da man in Kanada den Orangensaft nicht in Gallonen, sondern in Litern kauft; keine Meilen, sondern Kilometer fährt und folglich auch keinerlei Umrechnungsprobleme mit dubiosen Zwölfersystemen hat, wenn man jemandem erklären möchte, wie hoch man gewachsen ist. Politik? Gesundheitswesen? Jaja, mag sein, da war noch was, das Michael Moore so toll fand. Aber Theiresias und Krokowski fanden es ja in den Vereinigten Staaten auch sehr nett.


Krokowski: Ich muß sagen, die Niagara-Fälle waren wirklich sehr beeindruckend. Man bekommt direkt Höhenparanoia, also die unbegründete Furcht, der Hut würde einem sogleich vom Kopf und ins Wasser fallen, wenn man sich nach vorn lehnt.

Theiresias: Krokowski, Du trägst überhaupt keinen Hut.

Krokowski: Ja, aber wenn ich einen trüge, hypothetisch gesprochen also, hätte ich sicherlich das beklemmende Gefühl gehabt, er möge bei der nächsten Unvorsichtigkeit ins Wasser fallen. Hast Du nicht gesehen, wie all die Frauen ihre Handtaschen festgeklemmt haben und die Brillenträger hysterisch an ihre Brillen griffen? Der gleiche Effekt.

Theiresias: Wilde Spekulationen, Krokowski, ganz wilde Spekulationen. Außerdem sollst Du, wenn wir schon mal an den Niagara-Fällen sind, Dich doch nicht am Leid von Handtaschen- und Brillenträgern belustigen, sondern die Wasserfälle anschauen! Man fährt doch auch nicht nach Delphi, um sich dort Schmetterlinge anzuschauen!

Krokowski: Wo wir schon beim Thema Delphi sind, Du hast doch als blinder Seher auch prophetische Kräfte, Theiresias. Wann siehst Du denn unser Abendessen näher rücken?

Theiresias: Es ist in greifbarer Nähe, denn ich habe auch schon Hunger. Laß uns ins den Casino-Sündenpfuhl gehen, der über den Fällen thront, dort gibt es sicherlich eine nette Frittenbude.

Auf dem Weg zur Frittenbude kommen Theiresias und Krokowski an einem Kino vorbei. Zumindest scheint es ein Kino zu sein.


Krokowski: Theiresias, schau mal, ein Kino! Allerdings ist es kein normales Kino, sondern ein 3D/4D Kino!

Theiresias: Der Eingang in die vierte Dimension! Endlich habe ich ihn gefunden!

Krokowski: Ich möchte Deine Freude ungern trüben, aber magst Du mir erklären, was die vierte Dimension überhaupt ist?

Theiresias: Das ist doch ganz einfach, denn betrachtet man den D'Alembert-Operator \Box mit
\Box=\frac{1}{c^2}\frac{\partial^2}{\partial t^2}-\vec\nabla^2,
so ist zu erkennen, dass man auch abkürzend
\Box=\partial_\mu \partial^\mu

schreiben kann, wenn folgende zwei Vierervektoren eingeführt werden:

\partial_\mu=\left(\frac{1}{c}\frac{\partial}{\partial t},\vec\nabla\right)
\partial^\mu=\left(\frac{1}{c}\frac{\partial}{\partial t},-\vec\nabla\right)
In diesem Fall tritt die Zeit als vierte Dimension auf, die Metrik ημν muss also eine 4\times 4-Matrix sein.
Krokowski: Kannst Du das vielleicht nochmal wiederholen?

Theiresias: Ich erkläre es auch gern etwas allgemeinverständlicher. Es ist nämlich ganz einfach: in der Physik ist die vierte Dimension - zumindest nach dem Brockhaus - die Bezeichnung für die Zeitkoordinate, die in der Relativitätstheorie die drei räumlichen Koordinaten formal zur vierdimensionalen Raumzeit ergänzt und zusammen mit ihnen in der speziellen Relativitätstheorie den Minkowski-Raum aufspannt.

Krokowski (gequält lachend): Krokowski-Raum, sehr gut! Du machst aber auch Scherze. Ich dachte ja immer, die vierte Dimension hätte etwas damit zu tun, sich vorzustellen, in Punkten, Strichen, Quadern oder Quadraten zu leben.

Theiresias: Das hast Du bestimmt von irgendeinem pseudowissenschaftlichen Eso-Seminar. Aber Du meinst bestimmt den Hyperwürfel. Den gibts auch.

Krokowski: Aber jetzt bitte noch mal verständlich: Was ist die vierte Dimension?

Theiresias: Also Krokowski, wenn es nicht gerade um Seelenzergliederung und Liebe gehst, hast Du wirklich keinerlei wissenschaftliches Niveau. Deshalb jetzt mal auf Deinem Niveau: Die vierte Dimension ist eine Katze, die eingerollt am Rand des Universums schlummert, das seinerseits entweder ein riesiger Ball oder eine Wärmflasche ist.

Krokowski: Jetzt hab ich's verstanden! Warum hast Du das denn nicht gleich gesagt und mich stattdessen mit ellenlangen Formeln gequält? Und wieso hast Du die Katze, also die vierte Dimension gesucht? Ich dachte immer, Theiresias interessiere sich hauptsächlich für den Hades.

Theiresias: Ja, aber die Hölle ist wohl auch eine hübsche zusätzliche Dimension; vollkommen unbehelligt von Raum und Zeit.

Krokowski: Genau, und da treffen wir uns dann wieder, zusammen mit G.W. und Michael Moore. Davor gehen wir aber noch in die Frittenbude. Und zwar jetzt!

Montag, 20. Oktober 2008

Theiresias und Krokowski auf Reisen. Heute: In Antwerpen.

Theiresias und Krokowski schlendern durch die Fußgängerzone von Antwerpen.

Krokowski: Ich wußte gar nicht, daß Du so ein großer Tunnelfreund geworden bist, Theiresias. Ich muß übrigens sagen, daß ich wirklich sehr froh war, als ich dich im Kaisertal endlich dazu bewegen konnte, von der Tunneleinfahrt fort zu gehen, schließlich mußte ich die ganze Zeit daran denken, wie im April ein ICE entgleiste, weil eine Herde Schafe in der Tunneleinfahrt stand.

Theiresias: Aber so schlimm war das Unglück doch gar nicht; na gut, 19 Menschen wurden verletzt, aber ich bin mir sicher, daß schon pro Tag mehr als 19 Menschen einen mittelschweren Tobsuchtsanfall erleben, weil die Bahn mal wieder unerklärbare Mätzchen macht.

Krokowski: Für den ICE war das Unglück vielleicht nicht so schlimm, aber für die Schafe schon, die wurden nämlich in ihre Moleküle zerfetzt. Und wir wären im Kaisertal nicht der ICE, sondern eindeutig die Schafe gewesen! Aber wir haben es glücklicherweise ja überlebt. (Theiresias seufzt, und selbst Krokowski findet, daß sie jetzt genug Moral gepredigt hat. Kurze Pause. Danach versöhnlicher:) Wie hat Dir denn der hiesige ICE- und schaffreie Fußgängertunnel gefallen? Immerhin geht er unter der ganzen Schelde hindurch, und die ist hier ja ganz schön breit.


Theiresias: Ja, der war schon ganz nett. Aber ich frage mich, warum die Antwerpener überhaupt einen Tunnel unter dem Fluß gegraben haben, schließlich scheint es, daß er lediglich von Touristen frequentiert wird. Wenn überhaupt.

Krokowski: Ich glaube, die andere Seite des Flusses ist ziemlich langweilig. Da gab es ja gar nichts, abgesehen von einem Spielplatz.

Theiresias: Der war dafür umso lustiger. Aber du hast recht, man bleibt zwar aus Verpflichtung zehn Minuten auf der anderen Flußseite, aber damit hat man auch genug gesehen.

Krokowski: Beim Channel Tunnel verhält es sich ja auch ähnlich. Man ist doch sehr froh, wenn man wieder in Frankreich ist, nicht mehr ständig fürchten muß, von auf der falschen Seite fahrenden Autos überfahren zu werden und man auch nicht mehr verhungern muß.

Theiresias: Vorurteile, nichts als Vorurteile! Ich muß schon sagen, Krokowski, von Dir als ---

Theiresias und Krokowski bleiben wie angewurzelt stehen. Die Konversation wird durch ungläubiges Starren unterbrochen. Erst nach etwa drei Minuten fangen sich Krokowski und Theiresias und finden erste Sprachbrocken wieder.


Krokowski (stammelnd): Thei-, Thei-, Thei-,

Theiresias (aushelfend): Theiresias?

Krokowski (entgeistert): Theiresias, was machen die beiden Herren?

Theiresias: Sie lassen rohe Eier auf sich werfen, aber weil sie nicht den ganzen Schleim im Gesicht haben wollen, schützen sie ihr Gesicht mit einem Vogelkäfig.

Krokowski: Und warum machen sie das?

Theiresias: Wenn Du mich fragst, Krokowski, wollen die beiden damit auf die desaströse Lage der mitteleuropäischen Hühner aufmerksam machen. Das gemeine Huhn wird noch viel zu häufig in Käfigen unter grausamsten Bedingungen gehalten und in einem medikamentösen Schnellverfahren dazu gebracht, möglichst viele Eier zu legen und dabei gleichzeitig möglichst fett zu werden. Zudem sind Experimente am Laufen, um den Goldgehalt der Eier zu erhöhnen und die Hühner gleichzeitig zum Milchproduzieren zu veranlassen.

Krokowski: Für viel plausibler halte ich den Gedanken, daß die beiden gegen die Lebensmittelverschwendung in den westlichen Ländern protestieren wollen. Ständig werden Lebensmittel in den Müll geworfen, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht einmal erreicht oder gerade um ein paar Tage überschritten wurde. Wir bringen den Lebensmitteln nicht mehr die Wertschätzung entgegen, die ihnen gebühren. Dabei ist das Hungerproblem in der Welt noch lange nicht gelöst!

Theiresias: Das ist ja nun blanker Unsinn. Kein Mensch würde auf einen solchen Protest auf derartige Weise vorbringen!

Krokowski: Wollen wir wetten?

Theiresias: Ach Krokowski, jetzt hast Du mich an meiner Schwachstelle gepackt. Und das weißt Du auch genau! Also gut. Falls meine Theorie stimmt, machst du die Yoga-Pose "Der Hahn" und krähst dabei Kikeriki.

Krokowski: Und falls meine Theorie stimmt, ist das Dein Job. Ich geh die beiden Herren mal fragen, gegen was oder wen sie denn nun protestieren. Aber ich muß schon bemerken, daß ich es vorbildlich finde, wenn sich auch die jüngeren Generationen für politische Themen begeistern und all ihre Kreativität in Protestaktionen wie diese stecken können!

Krokowski geht zu den beiden und redet mit ihnen. Als sie wieder kommt, zieht sie eine Grimasse. Theiresias schaut gespannt.

Krokowski: Es ist ein Aufnahmeritual für eine Studentenverbindung.

Theiresias: Dann gehen wir jetzt Schokolade kaufen.

Donnerstag, 28. August 2008

Landliebe

Krokowski saß in der Bahn, die sie zu ihrem Flug in das Land unserer transatlantischen Freunde bringen sollte, und da ihr Flug recht früh ging und Krokowski noch nicht gefrühstückt hatte, aber sich auch nicht auf die Dreieckssandwichs des BordBistros verlassen wollte, hatte sie sich einen Joghurt eingepackt. Einen Löffel hatte sie in weiser Voraussicht ebenfalls eingepackt, denn sie wollte die Mitreisenden nur sehr ungern mit dem Anblick des Joghurt aus dem Becher Schlabberns belästigen, was im Allgemeinen eine recht unansehliche Sache zu sein pflegt.

Während Krokowski also aß, wanderten ihre Gedanken zu den beliebten Einreisebestimmungen der USA. Ist die Einfuhr von Drogen und anderen berauschenden Substanzen bereits verständlicherweise streng verboten, so ist die Einfuhr von Lebensmittel allerallerallerstrengstens verboten. "We regret that it is necessary to take agricultural items from your baggage. They cannot be brought into the United States because they may carry animal and plant pests and diseases. Restricted items include meats, fruits, vegetables, plants, soil, and products made from animal or plant materials.", schreibt beispielsweise die staatliche Seite http://www.cbp.gov.
Krokowski blickte also auf ihren Joghurt, von dort zum Löffel, wieder zurück zum Joghurt und blieb dann blickenderweise am Löffel hängen. Reichte es wohl, wenn sie diesen gut abschlabberte oder mußte sie ihn in der Bahntoilette spülen, um ihn nicht lebensmittelkontaminiert und ohne große Bedenken in das Reisegepäck stecken zu können?

Donnerstag, 6. März 2008

Theiresias und Krokowski auf Reisen. Heute: Im Museum

Nachdem Theiresias und Krokowski trotz langen Suchens in Meran keine Kulturstätten gefunden hatten, entschlossen sie sich, ins Museum zu gehen.

Krokowski: Liegt es an meiner Sicht oder an Van Goghs Malstil, daß ich dieses Bild nur unscharf sehe?

Theiresias: Ich dachte, Van Gogh hätte dem Absinth über die Maße zugesprochen und sich in dessen Folge ein Ohr abgeschnitten; nicht dagegen dachte ich, du, verehrter Krowoski, hättest dem Absinth allzu stark zugesprochen, um nun unscharf zu sehen. Oder siehst du gar doppelt?

Krokowski: Nicht doch, schließlich ist es schon eine Weile her, daß wir in Hintertupfingen unseren musikalischen wie auch den sonstigen Durst gestillt haben.

Theiresias: Oh ja, die Dornfelder Schädelstätte hätte auch ein paar meiner geschätzten Hirnzellen fast über den Jordan getrieben, bis sie sich entschlossen, daß es in Cisjordanien doch hübscher sei, wo sie mir ein paar Durakkorde auf Goll-Orgeln zu Bewußtsein bringen können.

Krokowski: Die Gedanken sind frei. Die Gehirnzellen auch?

Theiresias: Lieber Krokowski, ich glaube, du hast zu viele Seelen zergliedert. Aber notfalls können wir mal Holger fragen. Was mich viel mehr interessieren würde, ist, was nun unscharf an diesem Bild ist, vor dem wir stehen.

Krokowski: Na die Kornfelder, der Himmel, die Wolken, die Heuhaufen... einfach alles.

Theiresias: Ich sehe das Bild scharf. Da ist nichts verschwommen, sondern alles glasklar.

Krokowski: Ich wußte ja, daß der blinde Seher Theiresias das sieht, was andere nicht sehen. Aber daran, daß er dasjenige scharf sieht, was andere nur verschwommen sehen, habe ich leider bislang nicht gedacht.

Theiresias: Mach dir nichts draus, Krokowski. Auch wenn du das Bild nur verschwommen siehst, sieht es dich garantiert scharf. Du weißt ja: Gute Kunstwerke schaut man nicht nur an. Gute Kunstwerke blicken zurück.

Die Überwachungskamera surrt leise, dann immer lauter. Schließlich explodiert sie. Nur Van Goghs Bild, Theiresias und Krokowski sind noch im Raum. Von der Überwachungskamera steigt etwas Qualm auf.

Dienstag, 4. März 2008

Theiresias und Krokowski auf Reisen. Heute: In Amerika.


Krokowski: "Meinst Du, daß das der Marterpfahl aus Winnetou ist?"
Theiresias: "Hm. Mag sein, mag nicht sein. Jedenfalls ist Pierre Brice nirgends zu sehen."
Krokowski: "Ich habe mich ja schon immer gefragt, warum Winnetou einen französischen Akzent hatte. Dabei war der doch bestimmt nicht auf einer französischen Eliteschule, wie Segolène Royal."
Theiresias: "Ach, das wäre schön gewesen. Winnetou sprengt auf seinem Pferd durch die verkehrsgeplagten Avenues von Paris."
Krokowski: "Stattdessen muß er nun die Schurken in den ewigen Jagdgründen jagen. Ach..."